Vernebelt

Schlimmer geht immer„. Einer der Sprüche, die ich gerne bemühe, wenn es ans Jammern geht. Egal ob jemand mit mir mitfühlt oder sich selber bedauert, weil es ja „ach so schlecht steht“ um ihn/uns (hier in Deutschland? In dieser Zeit?…)
Vielleicht muss ich da mal ein riesen großes Schild dran machen, welches dem Universum mitteilt „das heißt nicht ich möchte noch eine Schippe mehr“ … obwohl Stopp, Verneinung versteht’s Universum ja nicht. Nun vielleicht fällt mir die passende Formulierung ein – oder habt ihr eine Idee?

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Detail Liebe

Die letzten Monate waren eigentlich Gute – ab und an ein bisschen Schwindel, mal ein wenig Herz rasen, leichte Sehstörungen ab und an…. und die üblichen Knackpunkt unseres Alters. Ja okay die etwas ausgeprägt lästigen Schlafstörungen darf ich nicht vergessen… Für Ende November steht der Austausch meines ICD an. Also alles klar – eigentlich.
Hätte so schön sein können, aber dann kommt es doch wieder anders. Meine Sehstörungen verschärfen sich – wir können mittlerweile meine Medikamente als Ursache ausschließen – und ich fange doch mal an, mir Sorgen zu machen. Dafür für sind nicht nur die Nebelschleier, die sich vor die Bilder meines linken Auges schieben, sondern auch die stechenden Schmerzen rund um dieses, so wie der Gedanken tötende Brumm-Schädel verantwortlich. In kurzer Zeit verliere ich die Fähigkeit Menschen auf der Straße zu erkennen, irgendwann fliegen bei mir immer 2 Flugzeuge vorbei, wo andere eines sehen. Ich ziehe mich zurück in meine Wohnung, sperre die heiß geliebte Sonne aus, weil ich merke in der Dämmerung geht es besser mit dem Gucken. Ich werde unhöflich und laufe egal wo mit Sonnenbrille rum. Noch klappt es mit dem nah-sehen wunderbar, dann allerdings wird das logische Denken schwierig, mein Kopf nebelt einfach zu und ich muss auch im Büro das Handtuch schmeißen.

Seit Mittwoch schließlich bin ich in der Uniklinik Bonn und bete, dass sich eine Ursache

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Detail Liebe

findet. Im Idealfall auch noch eine, die behandelbar ist und womöglich sogar heilbar. Mein Auge selber scheint es nicht zu sein und die Sarkoidose hat keine Anzeichen gesendet, dass sie die Finger im Spiel hat. Im Ausschlußverfahren hoffen wir eine Lösung zu finden. Dienstag ist ein Kardiologe da, der nach 8 Jahren endlich das Kontroll-MRT überwachen wird – aber ob ich möchte, dass die ominösen Schatten, die man damals gesehen hat, mehr geworden und die Ursache sind?
Diverse andere Untersuchungen stehen an und mir bleibt nichts als abzuwarten, mir einige meiner Mitpatienten anzusehen und mal wieder daran zu denken, wie gut es mir doch geht.

In diesem Sinne, liebes Universum „Besser geht auch und bitte mit der Fähigkeit, dass klar und scharf zu erkennen“

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Sarkoidose mit Herzbeteiligung

Manchmal werde ich gefragt, warum ich trotz meiner Erkrankung positiv denke…
Weil ich zum Beispiel nicht dieses Schicksal teile:
Mein Herz hat sich wieder erholt und ich musste nur sehr kurz darüber nachdenken das ich von einem Spenderherz abhängig sein könnte!
Bitte nehmt Euch die Zeit und schaut einmal was Sarkoidose „kann“ – Leider passiert es immer noch viel zu häufig, dass die Ärzte sie als ein Lungenerkrankung ansehen und somit als Ursache ausschließen und das sie verharmlost wird (falls sie überhaupt mal in Film und Fernsehn auftaucht)

A Touchy Subject…

Mal wieder ein Artikel, den ich besser nicht hätte schreiben können… Ein Redewendung, die ich häufig benutze: Gott sei Dank sehe ich nicht krank aus. Wenn ich aussehen würde, wie ich mich fühle, wäre es zum schreiend weglaufen….
Die Authorin: „I’m glad I don’t look on the outside, the way I feel on the inside. How ugly I would be! “
via A Touchy Subject…

Einfach mal dankbar sein

Ein paar ruhige Tage liegen hinter mir. Nicht gerade die Besten, aber sicherlich nicht die Schlimmsten. Irgendetwas hat mich umgehauen und viel Zeit im Bett verbringen lassen. Also auch viel Zeit zum Surfen im Netz, Pläne machen, Träume ausschmücken und dankbar sein.
Dankbar dafür wo ich lebe, wann ich lebe und wie ich lebe. Ich glaube manchmal vergessen wir das. Natürlich geht es immer Besser und ich bin kein Verfechter von ‚Klappe halten‘ oder ’nicht aufmucken und wehren‘. Aber ich denke wir sollten uns auch bewusst sein, dass die meisten von uns auf recht hohem Niveau jammern.

Das Leben hat mir mit meinen Erkrankungen einiges mit auf den Weg gegeben, aber neben den manchmal wirklich hassenswerten Begleiterscheinungen, habe ich auch die Erkenntnis im Gepäck, dass ich im richtigen Land und in der richtigen Zeit damit lebe. In einem anderen Land oder zu einer anderen Zeit hätten mich Herz, Diabetes oder Sarkoidose schon längst töten können. Also habe ich Grund für jeden Tag dankbar zu sein und die Verpflichtung aus jedem das Beste zu machen!
Und wenn es mal nicht so gut läuft, dann habe ich alles an der Hand um Seelenpflege zu betreiben. Zum Beispiel mit Handarbeiten (ein neuer Pullover geht in Arbeit), mit guten Gesprächen, durch mitfreuen wenn Freunde einen glücklichen Tag haben oder mit leckerem Essen. Diese Liste kann jeder von uns aufstellen und es lohnt sich als Hilfe in grauen Tagen.

Besinnliche Adventstage

Eigentlich habe ich sie immer geliebt, die Adventszeit – in diesem Jahr überrollt sie mich mit Angst, Unwohlsein, Sehnsucht und ganz vielen Erinnerungen.
Ich habe noch keine 1. Kerze brennen obwohl ich es gerne hätte – an meiner Wohnungstür tummelt sich noch Halloween und in meiner Wohnung Kartons, Taschen und Chaos.
Heute habe ich das Kapitel Berliner Str. 2 endgültig beendet – der Keller ist nun auch leer und eine Baustelle ist abgebaut. Alles passiert noch später als geplant, da mein Herz Mitte der Woche mal wieder Bremsklotz gespielt hat… Aber es erholt sich schneller, seit es keinen Termindruck mehr gibt und ich dann auch wirklich alles sein lasse, was nicht unbedingt sein muss. Somit habe ich zumindest die ersten kleinen Advents-Geschenke gebastelt und verteilen können. Und wer weiß vielleicht kann ich mich gleich noch aufraffen und zumindest ein wenig dekorieren.
Immerhin habe ich gestern mit einer tollen Weihnachtsfeier genug herzliche Stimmung und Rückhalt bekommen, um mich auch für die nächsten Wochen einigermaßen gerüstet zu fühlen – zwar mit ein wenig wehem Herzen und manchmal Tränen in den Augen, aber auch mit dem wunderbaren Gefühl nicht alleine zu sein und Ziele zu haben.
So kommt es vielleicht auch nicht von ungefähr, dass ich gestern den ersten wichtigen Vorsatz für 2018 gefasst habe! Nein – ich bin nicht so weit, dass ich mit dem Rauchen aufhören möchte… Aber nachdem ich soviel leisten musste in diesem Jahr, was eigentlich nicht möglich war mit meinem Herzen, da möchte ich wenigstens versuchen, ob ich nicht ein weiteres kleines Wunder hin bekomme und jetzt etwas leisten kann, was ich wahnsinnig gerne möchte! Wie das im Detail klappen kann, weiß ich noch nicht, aber ich habe heute mit kleinen Schritt anfangen und mit ein wenig Ausdauer und Geduld sollte es mir gelingen im nächsten Jahr zu den anderen 5/10 zu gehören auf der Weihnachtsfeier.
Ich wünsche uns allen, dass wir uns auf die Dinge besinnen können, die eine schöne Adventszeit ausmachen und den Trubel ein wenig im Zaum halten, so dass wir Gefühle genießen können, innere Stimmen hören und schöne Momente genießen!

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Eine Geste

Kleine Gesten können vielleicht nicht das Leben ändern, aber zumindest einen Tag.

An unserem zweiten Tag in Hohwacht haben wir versucht mit Rollator an den Strand zu kommen. Direkt vor unserem Hotel gab es einen Weg mit langer Treppe, der aber halbwegs überschaubar war. Einen wirklich funktionierenden Weg für den Rollstuhl konnte man uns im Hotel leider nicht zeigen – nur einen, bei dem der Rollstuhl umkippt…. (haben wir später versucht, war Sch….)  Also haben wir entschieden: runter mit Rollator zufuss und ich trage ihn über die Stufen, zurück hole ich das Auto um Mama und Gefährt zurück zu bringen.

Ich hatte 10 von 40 Stufen getragen und dabei Mama beobachtet, dass sie auch wirklich zufuss klar kam…. in der selben Zeit wurden wir von dem ein oder anderen überholt… Vertieft in Gespräche, Telefonate oder sonstige wichtige Dinge… bei Stufe 11 kam ein Mann mit Fahrrad auf der Schulter, sieht uns, lässt sein Fahrrad ab und weiß gar nicht so recht wo hin zuerst – mir den Rollator abnehmen oder Mama die Treppe runter stützen….

Das sind sie! Die kleinen Gesten, die einen guten Tag machen!

Beim anschließenden, umwerfend leckeren Eis (der leicht böse Blick gilt dem Mangel an Hunger um aufzuessen!) haben Mama und ich darüber geredet, wie schön es sein kann, wenn die Leute hinschauen!

Es sind nur Kleinigkeiten! Dinge, die gar nicht viel Zeit kosten und schon gar kein Geld…. ein Lächeln, eine helfende Hand, eine nette Bemerkung oder eine kleine Idee – und der Tag eines anderen Menschen ist ein Guter! Ich wünsche mir, dass wir das nie vergessen und mit kleinen, netten Gesten anderer Leute Leben besser machen! Irgendwo kommt dann sicher auch die kleine Geste, die den eigenen Tag zu einem Guten machen.

Der neueste Plan

Pläne sind so eine Sache! Manche gehen auf, manche eben nicht. Erfreulicherweise ist der Urlaubsplan aufgegangen! Ich bin über das Krankenhaus zur Mönchsheide gelangt ohne „inhaftiert“ zu werden. Sogar die Vermutung, dass mein Kammer-Flimmern sich wieder verflüchtigt, hat sich bestätigt… Das was mich fast umgebracht hat ist vorbei. Also könnte ich mich jetzt ganz entspannt zurück lehnen, genießen und einfach nur hier sein. Aber dann kommt eben der Plan, der nicht so gut geklappt hat ins Spiel und leider gelingt es mir heute auch nicht ganz so gut, es in lustige Worte zu verpacken….

Das der Umzug ein Risiko ist, das wussten wir, man musste ja nur sehen was 2 Jahre zuvor passiert ist. Also habe ich versucht einen Gang raus zu nehmen… Pause zu machen, Urlaub und nur langsam alle Aufgaben die so anfallen zu erledigen… Schöne Dinge dazwischen zu packen und einfach auch mal nur zu genießen – ohne Pflicht oder Verantwortung…

Ätsch hieß es heute – Kammerflimmern ade, Vorhofflimmern welcome back! Gehäuft tauchen in den letzten 12 Wochen diese Episoden auf, die zeigen, dass mein Herz eben kaputt ist und wieder mal nicht ausreichend rund läuft… Nicht mehr Lebensbedrohlich, aber so schlimm, dass es Wert ist vom Defi aufgezeichnet zu werden und meine Tage und Nächte so manches Mal unbequem zu machen. Natürlich war mir schon vor dem Termin heute klar, dass es nicht so rund läuft, wie ich es gerne hätte, aber letztlich war es leichter sich einzureden, dass es so schlimm schon nicht mehr sein wird. Die Klinik habe ich heute verlassen mit dem klaren Arbeitsauftrag wieder genau hinzuhorchen, was mein Herz so macht, wann es zu doll pocht, wann ich nicht schlafen kann und mich zu melden, sobald ich darüber den nächsten Plan habe. Dann wird ein Langzeit EKG geschrieben, welches genau dieses Tagebuch in elektronische Daten umwandelt und darüber entscheidet, ob ich noch vor dem Austausch des Defis auf den Tisch muss – immerhin die Batterie hält noch mindestens 3 weitere Monate und das Schätzchen darf da links hängen bleiben – um mal wieder irgendwelche Nerven im Herzen veröden zu lassen.

Ich werde horchen, ich werde aufschreiben was mein Herz macht… Egal ob es positiver oder negativer Stress ist, egal ob es meine Hoffnung zerstört doch mal wieder körperlich aktiver zu werden (nicht nur passive Rollen inne zu haben, mehr als nur moderat spazieren gehen etc.) aber ich nehme mir auch heraus jetzt erst einmal im Urlaub zu sein! Schließlich haben die Ärtze sehr deutlich gesagt, es ist nicht lebensgefährlich! Und das ich hier gerade am richtigen Ort bin weiß ich genau….

Auf der Mönchsheide angekommen – kalt, nass und noch recht leer – habe ich „meine Leute“ gesucht… mein Parkplatz war beschriftet, mein Turmzimmer vorbereitet und ich musste nur den Kopf ins „Flight Office“ stecken und ich war angekommen. Eigentlich war mein Satz „ich will in den Arm, auf den Arm und ab morgen bin ich dann auch wieder thematisch belastbar“ überflüssig.. Weil so oder so war ich im und auf dem Arm und einfach herzlich willkommen! Anders als BBSW aber trotzdem meine Fliegerfamilie! Und deshalb werde ich die nächsten gut 2 Wochen genießen, vielleicht ein bisschen Tagebuch führen und über schönere Themen schreiben (Das Wetter sollte aber besser werden!) Aber allen, die Daumen gedrückt haben, die mitfühlen und die vielleicht über meine Geschichte stolpern, weil sie selber zu kämpfen haben, wollte ich diesen Teil nicht vorenthalten…. Wie so oft, wird es am Ende wieder diese Abfolge sein „hinfallen, aufstehen, Krone richten, weiter gehen!“

Auf zur DM

Ich darf mich ja gar nicht beklagen, schließlich hatte ich gerade erst meine ureigenste Auszeit in Hamburg, aber trotzdem fühle ich mich echt Urlaubsreif – die Nachwehen vom Umzug schlagen immer noch heftigst zu, mein Herz schlägt leider immer noch Kapriolen und ansonsten tobe ich durch Projekte in der Firma und Zuhause, die gut geplant sein wollen, da sie etliche Monate Einfluss auf meine Zeit haben werden. Neben bei darf ich drei verschiedene Koffer packen (Flugplatz, Ostsee, Meeting in Belgien folgen dicht aufeinander) und den normalen Alltag meistern…
Jammern auf hohem Niveau!
Hauptsache mein Count Down läuft – noch 2 Tage und ich bin wieder bei meiner Fliegerfamilie. Etwas anders zusammen gesetzt, da es nicht zur BBSW auf die Mönchsheide geht, sondern zur deutschen Meisterschaft der Clubklasse. Aber eben Flugplatz, „mein“ Turm, viele Freunde und „mein“ Internet.
Wenn am Freitag hier zuhause alles geregelt ist, die Schlüssel übergeben und das Bett frisch bezogen für den „Sitter“, geht es los. Mit einem kleinen Umweg zwar, aber ich versuche das ganz gelassen zu nehmen und gar nicht darüber nachzudenken, das in Bonn in der Kardiologie irgendwas wagt nicht nach meinem Plan zu verlaufen. Auch wenn mir mein Herz in letzter Zeit häufig bis zum Hals klopft, kann das ja auch mal andere als die bösen biologischen Ursachen haben, oder? Vielleicht kann der ein oder andere an dieser Stelle einfach mal ein „Daumen drücken“ einwerfen 😉
Am Wochenende wird es noch etwas ruhiger sein, ich kann meinen DM-Blog übernehmen und schon angereiste Teilnehmer können die Gegend erkunden um zum Wettbewerb mit dem Gelände vertraut zu sein. Nur das Wetter muss natürlich stimmen, aber ich vertraue da ganz auf die Anti-Regentänze. Falls die richtig gut wirken, es viel geflogen wird und ich nicht dazu komme, den offiziellen Blog und meinen eigenen mit Leben zu füllen, dann kann man bald hier mehr/weiter lesen:
http://dm2017.moenchsheide.de/

 

Die letzten zwei Tage waren schon sehr entspannend. Ich genieße das Hamburger Stadtrand-Leben in meiner kleinen WG und bin froh, dass ich diese Erfahrung mache. Auf diese Art in Urlaub zu fahren gibt ganz neue Einblicke ins Leben. Du siehst was Du selber vielleicht besser machen könntest, was Du erreicht hast und wie ‚kompatibel‘ du bist. Airbnb ist für mich auf jeden Fall ein Gewinn!

Gestern habe ich mich treiben lassen und ein wenig an meinen Handerbeitserfahrungen gearbeitet…. Häkeln war nie meine große Leidenschaft, aber es gibt ein paar Dinge, die ich schön finde und so geht kein Weg drum herum… ein kleiner Kurs über Stäbchen, Kettmaschen und ähnliche Dinge führen mich zu der Möglichkeit mein Fischernetz um Seepferdchen und Korallen zu bereichern… noch ist ein wenig Phantasie nötig aber es wird. Nachmittags habe ich mich dann mit zwei Bekannten aus der letzten Reha getroffen. Ein toller Nachmittag angefüllt mit schönen Gesprächen und viel gegenseitigem Verständnis. Jede von uns hat ihr Päckchen zu tragen und manchmal ist es eben leichter, wenn man das teilen – mitteilen kann.

Heute war ich wieder in der Hamburger Innenstadt und habe mich treiben lassen. So bin ich am Chilehaus vorbei zur Speicherstadt geschlendert und habe einfach genossen, dass ich das alles erleben kann. Welches Glück das ist und wie kostbar jeder Tag ist, wird mir nur wenige Minuten nachdem ich ein paar Bilder auf Facebook geteilt habe klar. Eine knappe What’s App teilt mir mit, dass ein mir sehr lieber Freund plötzlich um sein Leben kämpft zuhause. Irgendwie wird alles so unwirklich- ich stehe hier in Hamburg und genieße den Augenblick und zuhause ist auf einmal eine Zukunft in Frage gestellt…. von Genuss ist in den nächsten Stunden nicht wirklich die Rede, in mir kämpft die Freundin, die sich sofort auf den Heimweg machen möchte, mit der Kranken, die unbedingt etwas Abstand gewinnen muss. Letztlich gehe ich den geplanten Weg weiter, da ich sowieso nichts ändern kann. Die Farben haben sich für mich veränder und alles was ich jetzt sehe wird ein Stück kostbarer. Gerade wenn es so deutlich wird, wie schnell alles vorbei sein könnte, ist das Auskosten der Erlebnisse intensiver. Meine Blicke auf die Sehenswürdigkeiten werden jetzt ergänzt durch Stoßgebete für den Freund. Neben den alten Fassaden sehe ich Abläufe, die sich mit Erfahrungswerten nähren… was bedeutet es bei dem Krankheitsbild, wenn….
Ich kürze meine Runde ein wenig ab, telefoniere mit zuhause und bin ein wenig beruhigter, da meine gedanklichen Abläufe sich mit dem, was gerade passiert decken. Trotzdem bleibt mein Blick ab jetzt immer halb auf dem Handy und giert nach Entwarnung. So gelange ich schließlich an die Binnenalster und treffe meinen Sohn zum Abendessen. Wir haben uns viel zu erzählen und ein paar Stunden sind im Handumdrehen vorbei. Umso schöner, dass wir uns am Sonntag wohl Wiedersehen. Dafür bin ich jetzt doppelt dankbar, da ich diesem Treffen nicht wirklich gerecht werden kann, so wie es gerade in mir aussieht. Kurz nachdem wir uns trennen kommt auch die erste beruhigende Nachricht von Zuhause – bisher läuft alles gut.
Ich setzte mich in den Zug und fahre zurück an den Stadtrand und verkrieche mich in mein Zimmer. Beschäftige mich mit Dingen, die meinen Kopf leer werden lassen und versuche runterzufahren. Kurz vor Tagesende kommt die Nachricht „OP überstanden, jetzt müssen wir die Nacht abwarten“ und ich wünschte ich könnte meine Freundin jetzt in den Schlaf wiegen und ihr all meine Kraft geben, da ich mir kaum ausmalen kann, was dieser Nachmittag sie gekostet hat. Beruhigt es mich, dass sie sowieso jeden abgewehrt hat und alleine sein wollte? Nicht wirklich – aber alles was ich jetzt tun kann, ist weiter dafür zu beten, dass es gut ausgeht und die Beiden noch viele gemeinsame Tage verbringen. Also werde ich jetzt mein Häkelzeug in Angriff nehmen bis ich den ‚ins Bett fall Punkt‘ erreicht habe und auf weitere gute Nachrichten morgen hoffen.

Mit Ingelore und Elisabeth Mitten ins Leben

Oder was man auf dem Weg nach Hamburg alles lernen kann.

Die letzten Monate waren turbulent, frustrierend, betriebsam und auch mit unvergesslich schönen Erlebnissen gefüllt. Leider waren sie auch wie ein Karussell, welches sich immer und immer weiter dreht und dir keine Chance lässt abzusteigen. Also bin ich gefahren, habe funktioniert, die Bremse gesucht und versucht das Beste daraus zu machen. Irgendwann musste ich von der Achterbahn auf das Kettenkarussell wechseln, aber auch da ging es immer rund und rund. Verpflichtungen, selbst auferlegt und von außen vorgegeben, haben mich angetrieben. Du kannst den nicht hängen lassen, du musst das bis dahin fertig haben – mein Mantra an jedem neuen Tag. Persönlicher Ergeiz, Verantwotung gegenüber dem Job, der Familie und das Bedürfnis den Kontakt zu Freunden nicht zu verlieren haben mich über Wasser gehalten, aber eben auch immer ein wenig zu intensiv schwimmen lassen. Seit mehr als einem Jahr liegen mir meine Ärzte in den Ohren…. Sie müssen was ändern heißt es. Das macht ihr Herz nicht mehr lange mit, da streikt ihr Rücken bald, das kann den nächsten Sarkoidoseschub auslösen…. nur bei dem ‚was ändern‘ da wollte sich keiner so recht festlegen… die Achterbahn anhalten ohne das man beim Bremsen übel stürzt? Vom Kettenkarussell runterspringen? Nun den Fahrgeschäfte-Wechsel hat mir das Leben vor die Füße geworfen und ich bin ohne jede Wahlmöglichkeit umgesprungen. Und ich habe den Sprung überlebt – nicht nur sprichwörtlich wie sich herausgestellt hat. Mein Herz wollte aufgeben, mehr als einmal hat es angehalten, überstürzt weiter geschlagen und gekämpft. Einmal musste es dazu überredet werden, aber dafür habe ich ja schließlich die eingebaute Lebensversicherung- scheiss weh hat es getan als der Defi seinen Zweck erfüllt hat. Zumindest war ich ihm dankbar, nicht so wie vor 7 Jahren, als ich mich gefragt habe, wozu das alles. Nein ich wollte überleben, egal wie weiter machen. Und so sitze ich im Kettenkarussell, versuche es spaßig zu sehen, mit den Beinen zu baumeln und mit jeder Runde ein Stück mehr ’neues Dasein‘ aufzubauen. 

Kurz nach diesem Sprung war mal wieder Fahrkartenkontrolle… aufgezeichnete Daten wurden mit meinem Patiententagebuch abgegelichen. Auch wenn vorher jeder geschworen hat, dass ich einen solchen Wechsel – nicht nur von Karussell zu Karussell sondern sogar zur nächsten Kirmes nicht überleben würde, haben die Daten gezeigt, dasss es am wichtigsten war die Achterbahn zu verlassen. Auch wenn mein Herz immer noch zu schnell schlägt, es stolpert nicht mehr. Ein Schritt nach vorne. Natürlich reicht das nicht für ein wirkliches Leben, aber es ist ein Anfang. Mit dieser Aussicht haben mich die Ärzte weiter fahren lassen, allerdings auch mit Auflagen. Bis zur nächsten Kontolle muss ich das Karussell einmal verlassen. Ganz! Nur ich, für mich, keine Verantwortung, keine Verpflichtung, keiner, der meine Zeit beansprucht. Nicht für ein paar Stunden, sondern für mindestens eine Woche. Wenn mir das nicht gelingt, dann musss ich damit rechnen, ganz aus dem Geschäft zu fliegen, vielleicht zu überleben, aber ohne jede Aussicht auf Leistungsfähigkeit, Teilhabe am Arbeitsleben und mehr. Ein Herz kann nur begrenzt zum Schlagen gezwungen werden und mit jeder Wiederbelebung erleidet es nicht gut zu machenden Schaden.

Soweit die Vorgeschichte- was hat das mit Ingelore oder Elisabeth zu tun? Fragt ihr euch vielleicht. Warum machen diese 7 Tage so einen gravierenden Unterschied? Das habe ich mich gefragt. Hier die ersten Schritte zur Lösung:

Damit ich eine Woche nur für mich hinbekomme, habe ich 9 Nächte Hamburg geplant, 2 Tage mehr, schließlich ist Auto fahren keine Erholung. Ich liebe Hamburg, die Menschen, die Nähe zum Meer, die Elbe und alles was dazu gehört. Hier habe ich Familie und Freunde, die sich zwar freuen, wenn sie mich sehen, aber in keiner Weise auf mich angewiesen sind bzw. die selber in so einer gesundheitlichen Zwickmühle stecken. Also alles kann, nichts muss! Damit das so bleibt buche ich für kleines Geld statt mich bei jemandem einzunisten – Kettenkarussell fahren ist teuer (von der Achterbahn mal ganz zu schweigen) – ein Zimmer über Airbnb am Stadtrand und lege mich vorher nicht fest was ich mache, mit wem oder wo… naja mit einer klitzekleinen Ausnahme – meine Leidenschaft Musical bedingt eine Karte und die wird im Vorfeld organisiert. 

Und so mache ich mich auf den Weg – wohl durchdacht und geplant mit der üblichen Verspätung, weil ja doch etwas dazwischenkommt.  Kurz vor der Wohnungsübergabe meldet sich ein verstopftes Rohr und die Küche möchte nicht überschwemmt werden. Aber schlussendlich kann ich mich ruhigen Gewissens auf den Weg machen. Knapp 400 Kilometer gen Norden, Radio an, weil wo sonst, wenn nicht im Auto höre ich Nachrichten?  Kilometer fressen ist angesagt, schließlich muss Tinka ja mal durchgepustet werden und leicht angespanntes Fahren. So verbringe ich die Zeit – kurz vor dem Karmener Kreuz meldet mein Navi, ich sollte die A1 verlassen und Münster großräumig umfahren. Stimmt habe ich eben im Radio gehört, ein LKW Unfall verursacht gut 90 Minuten Verzögerung. Braucht kein Mensch, also Wechsel ich auf die A2 und mein Navi verkürzt um glatte 30 Minuten. Puh, wieder nah am Plan.

Klopf klopf… was ist? Klopf klopf… was willst du? Denk mal nach…. früher… als du noch jeden Tag knapp 100 Kilometer gefahren bist… Ja und? Was hast du da immer gemacht? Was hast Du gesagt? …. das war in einem anderen Leben! Na gut ist gerade 8 Jahre her oder 9…. der Weg war Entspannung. Also was willst du, du blöde innere Stimme? 

Ingelore! Meine Rolle im Theater im Mai! Frühere Opern(Chor) Sängerin – das Singen war ihr Leben! Aber nach einer Kehlkopfentzündung war es nicht mehr das selbe. Ja, meldet sich mein Alter-Ego… das Singen war Teil deines Lebenstraum… so wie das Tanzen und Schauspielern. Okay tanzen schafft dein Herz nicht mehr, Singen geht nach der Kehlkopfentzündung im echten Leben nicht mehr… aber du sitzt im Auto! Keiner hört dich, so wie früher auf dem Weg zur Arbeit oder nachhause. Also sing! Hier hört keiner wenn die Töne abbrechen, hier bist du allein wenn du dich auslachen musst! Hier brauchst du nicht die eingebildeten Marotten von Ingelore, deiner Bühnenfigur, sondern bist einfach für dich! Okay Gewonnen, ich wechsel von Radio auf CD und schmetter als ginge es um mein Leben. Und das tut es auch! Mit jedem Song, den ich singe kommt eine Erinnerung – an Fehler die ich gemacht habe, an eine Liebe die ich verloren habe, an ein gebrochenes Herz, aber auch an die unendliche Liebe zu meinem Kind, die unverbrüchliche Treue meiner Mama, das unglaubliche Glück in diesem Leben aus jeder Situation gestärkt hervorgegangen zu sein – Lebensfähiger! Besser in der Lage, das Gute im Leben zu sehen. Ich breche ab, wo meine Stimme nicht mehr reicht, die zusätzliche Erkältung Töne unterschlägt, aber ich singe, fühle und erlebe! Lebe wirklich mit allem für und wider. Selbst der Idiot, der meint aus zwei Spuren drei machen zu müssen, weil er ein Zweirad überholt und mich knapp hinter ihm nicht sieht, kann mich nur kurz aus dem Gleichgewicht bringen. Danke Ingelore, dass Du mich erinnert hast, was Singen bedeuten kann.

Plötzlich sind die Kilometer keine Qual mehr, nein es macht Spaß, die Zeit fliegt dahin und der Weg wird wieder zum Ziel. So wie früher, auf dem Weg zur Arbeit oder quer durch Deutschland einem Urlaub entgegen (damals meist am Segelflugplatz) Bilder meiner ersten großen Liebe stehen mir vor Augen, Bilder des ersten großen Herzschmerz…. des zweiten… und da komme ich von Ingelore zu Elisabeth… vielleicht nicht unbedingt genau heute (vielleicht auch doch) sagt dieser eine bekannte Musical Song alles aus, was für mich und wahrscheinlich viele Frauen gilt! Schon zu Beginn bohren sich die Sätze in meinen Kopf und mit jedem weiteren Stück Text legen sich die Puzzleteile zusammen. Das muss ich hier nicht schreiben, dass kann sich jeder anhören. Danke Elisabeth, mit diesem Lied ist so vieles gesagt – über betrogen sein, über wie man eine Frau halten kann, aber eben hauptsächlich das sie sich immer noch selbst gehört. 

Ich bin am Anfang der „nur für mich“ Woche, aber ich habe auf diesem allerersten Schritt schon viel gelernt! Ich bin nicht mal im Ansatz bei „ich bin in der WG angekommen, um den See und an der Elbe spazieren gegangen und habe in der Dorfkneipe eigentlich nur ein ortstypisches Bier trinken wollen“ – aber warum 7 Tage einen so großen Unterschied machen können, das habe ich heute gelernt! Und das ich mehr als nur überleben möchte! Ich möchte da sein für die Menschen, die mich zu schätzen wissen, aber ich möchte darüberhinaus jeden Moment, auch den Weg, mit Qualität erfüllen, Qualität die mir Kraft gibt!