Von chronischer Krankheit, Medikamenten, Technik und Lebensqualität 


Ich habe einen tollen Job, der mir wirklich viel Spaß macht. Und wieder im Büro zu sein fühlt sich gut an. Was sicher auch daran liegt, dass ich in meiner Abteilung von den Kollegen freudig begrüßt werde. Nicht nur hier, sondern überall auf dem Flur und in den Büros werde ich gefragt, ob es gut war, etwas gebracht hat. Der ein oder andere streut ein, dass ich gut aussehe. Und tatsächlich fühle ich mich auch gut, nach 5 Wochen im Kopf aufräumen, Sport bis zum Abwinken und vielen Therapien, die an meinen Schräubchen gedreht haben, sind meine Akkus voll und ich möchte loslegen.

Also starte ich sehr positiv in die Woche. Zumal wir auch traumhaftes Wetter haben und der September eindeutig für einige miese Tage des Sommers entschädigt. Vier Stunden nachdem ich die Firma am Montag betreten habe meldet sich zum ersten Mal eines der kleinen Signale, die ich lernen muss besser zu erkennen – das Sausen in meinem Ohr bekommt Gesellschaft und ein feines Fiepen stimmt mit ein. Eigentlich  war ich froh, dass es sich im Laufe des Sonntag nach 4 Tagen zurück gezogen hat. Aber auch kein Weltuntergang – 13 Jahre Tinnitus haben mich abgestumpft – immerhin bringt es mich dazu etwas früher als geplant ins Auto zu steigen. Tanken, mit Tinka in die Waschstraße und ab auf die Autobahn Richtung zuhause. Gott sei Dank komme ich schnell durch und bin angekommen, bevor meine Konzentration für den Tag zusammenbricht. Mit Anbruch der Dunkelheit wird das Fiepen leiser, der Kreislauf stabiler und ich kann noch ein wenig an meinen ‚Hausaufgaben‘ arbeiten.

Den Dienstag beginne ich schon etwas verhaltener – es ist weiter warm (auch wenn ich dieses Meckern hasse: zu warm!), mein Kreislauf stottert wie ein bockiger Anlasser, aber schließlich läuft er einigermaßen rund und ich mache mich auf den Weg nach Monheim. Ich weiß es liegt ein wichtiges Meeting vor mir und ich möchte mir einiges an Input bei Kollegen holen um meine Aufgaben für die nächsten Wochen zu definieren. Schließlich fehlen mir 5 Wochen ‚Flurfunk‘ und Projektablauf – diese Lücke möchte ich schließen bevor ich den Rest der Woche zuhause am Schreibtisch sitze und nicht mal eben um die Ecke gehen kann, wenn eine Frage auftaucht. All diese Argumente scheinen mich taub zu machen für den leisen Fieper, die Müdigkeit und das Pochen links hinter dem Auge…. Ich passiere das Ortseingangsschild von Monheim und nur noch wenige 100 Meter liegen zwischen mir und dem klimatisierten Büro, als mein Körper beschließt laut und deutlich zu werden. Mein Kreislauf ist im Tief und mein Herz setzt mal wieder aus. Nur zu gut kenne ich diese Welle die durch meinen Körper schwappt – für einen kleinen Moment steht alles still, bevor es mit einem ordentlichen Wumm wieder in Gang kommt. Es geht sehr schnell und wie meistens behalte ich die Kontrolle, indem ich quasi erstarre. Solange ich nicht stehe ist es eigentlich kaum bemerkbar. Ich halte die Spur, blinzel das Erschrecken weg und freue mich, wie jedes Mal, dass mein Herz sofort wieder weiter macht und der Defibrillator nicht anspringen musste.

Nachdem ich mein Auto ordentlich geparkt habe beginnt mein Verstand die Situation auseinander zu pflücken. In 6 Jahren ist dies das 2. Mal, dass ich am Steuer sitze. Beide Male kam es absolut unerwartet, unangenehm aber kontrollierbar. Ich beschließe heute wirklich nur alle notwendigen Gespräche zu führen und die verlorene effektive Arbeitszeit von zuhause nachzuholen. Wie immer werden die Kopfschmerzen im Anschluss schlimmer und Konzentriern ist ein Unding. Zumal ich jetzt genau analysieren möchte, was mein Körper noch sagt, um den richtigen Moment für den Rückweg abzupassen. Mein Plan scheint aufzugehen. Ich führe einige wirklich gute Gespräche und gerate erst wieder aus dem Takt, als einer meiner Gesprächspartner auf meiner linken Seite Platz nimmt. Ich verstehe nur jedes 3. Wort und merke, dass das Fiepen dem Rauschen heute den Rang ablaufen möchte. Gott sei Dank kann ich dem Gespräch weitestgehend folgen und das erspart es mir darauf hinzuweisen, mein linkes, taubes Ohr zu beachten…. Eine Aufmerksamkeit, die ich so kurz nach der Reha nicht auf mich ziehen möchte. Gute 120 Minuten nach der ersten Herzstolper-Episode kündigt sich die 2. an. Immerhin sie kündigt sich an und ich kann dafür sorgen, dass ich sicher sitze bevor es los geht. Es geht sogar etwas schneller als am Vormittag. Nur gesellen sich jetzt dumpfe Schmerzen in der Brust zu dem sonstigen Tagesprogramm. Das Durchstarten des Herzmuskel verursacht leider einen Mini-Muskelkater. Außerdem werde ich jetzt unsicher, da ich nicht weiß, wann ich es wagen soll wieder nach Velbert zu fahren. Immerhin gelingt es mir weiter Informationen zu sammeln und mein Aufgabengebiet abzugrenzen. Ich erstelle eine Liste mit Themen, die ich mir ansehen werde, schaffe es die letzten Emails aus der Reha Zeit zu überfliegen und die wichtigsten zu bearbeiten. Schließlich entschädigt mich mein Körper für die Verunsicherung. Nach weiteren ca 120 Minuten schwappt die Welle ein drittes Mal. Also dann, Tasche packen und ab nachhause – selbst bei ungünstigen Verkehrsbedingungen bin ich vor Ablauf der nächsten 120 Minuten zuhause! Der Muskelkater lenkt mich von der Müdigkeit ab und die Erschöpfung hält sich in Grenzen. Meine Planung geht auf und ich komme ohne weitere Zwischenfälle nachhause. Hier kann ich wenigstens für eine kleine Weile alles abfallen lassen und an der Regeneration arbeiten.

Scheinbar hatte mein Körper heute das Bedürfnis mir mitzuteilen, dass ich meine Erwartungen nicht zu hoch schrauben solle nach der Reha. Ich bin noch nicht so ganz durch mit der Verarbeitung.

Aber eines weiß ich jetzt wieder ganz genau – Ich bin ein glücklicher Mensch, weil es meinen Job gibt. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht:

  • Ich habe die Möglichkeit von zuhause zu arbeiten und mir meine Zeit weitestgehend so einzuteilen, dass ich in guten Phasen aktiv bin. Dieser Job verbindet zwei meiner Leidenschaften – Medizin und Technik.  Trotz meiner Einschränkungen fühle ich mich produktiv.
  • Mein Job gehört in die Gruppe, die mein Leben überhaupt noch möglich macht. Ohne Medikamente, Medizintechnik und Forschung wäre mein Leben sicher schon länger vorbei. Zumindest wäre ich in meiner Lebensqualität massiv eingeschränkt, wenn nicht irgendwann einer meiner „Vorgänger“/“Kollegen“ für Patienten geforscht hätte
  • Dieser Job bzw. alle Jobs in diesem Bereich geben mir Hoffnung. Vielleicht stolpert man in irgendeiner Studie über Lösungen für das Basis-Problem meiner Ansammlung von Erkrankungen. Auch wenn es nicht einträglich ist, direkt für Sarkoidose Medikamente zu Forschen, so bleibt die Idee von Off-Label-Use, Big Data und Zufällen. Vielleicht ist es irgendwann nicht nur Erleichterung und Verzögerung die erreicht werden kann, sondern Heilung!

Ich wünsche mir, dass ich noch lange einen Teil zu dieser Hoffnung für andere Patienten beitragen kann.

Advertisements

Damp Ahoi

Mittwoch morgen komme ich ganz gut aus dem Bett – ich höre wie Damp mich ruft und bin zügig aus dem Hotel verschwunden. Aus Hamburg selber nicht ganz so schnell, irgendwie verstehen mein Handy und ich uns noch nicht so ganz und ich befinde mich das ein oder andere Mal zu weit rechts oder links, um den Wechsel in die richtige Richtung zu schaffen – bei 6-9 Spuren vielleicht verständlich. Schlussendlich bin ich aber bald auf der A7 und vernichte die letzten 100 Kilometer ohne weitere Probleme. Noch freue ich mich über alles Bekannte am Wegrand, aber dann beschleicht mich ein komisches Gefühl, als ich die Häuser über den Bäumen entdecke… Sind meine Erwartungen zu hoch? Wie ist es diesesmal, so ohne Anette, Conny, Manni und Renate? Was für Leute treffe ich diesesmal? Kurz vor der Schrank ist die diffuse Angst so groß geworden, dass ich am liebsten umdrehen möchte… Aber da kneifen ja bekanntlich nicht gilt, suche ich mir einen Parkplatz vor dem Haus Pamir und schleiche durch die Drehtür Richtung Empfang. Auch so ein ‚kennst du doch‘ Erlebnis – die extrem langsame Tür entschleunigt hier jeden. Oder regt ihn auf, weil er knappe Termine hat….

Das Einchecken geht fix, die meisten Abläufe kenne ich ja auch noch, so dass viele Erklärungen nicht nötig sind. Mein Arzt-Termin ist in 35 Minuten und mir bleibt vorher gerade noch Zeit, die erste Fuhre aus dem Auto zu holen und das Zimmer in Besitz zu nehmen. In der 12. Etage, rechte Gangseite, direkt hinter der zweiten Feuertür geht es in den nächsten Wochen zu Babetts Zuhause. Irgendwie kommt man um diese Bezeichnung nicht herum, solange man hier ist – alles gut liebe Familie, mein Zuhause ist immer noch in Velbert, aber für eine Weile habe ich nun ein Zweites. Damit ich mich auch wohlfühlen, habe ich das Auto vollgepackt mit allem möglichen Kram, nützlich oder auch nicht und habe mit 4Mal rauf, runter und ein wenig Zeiteinsatz meine Wohlfühloase geschaffen. Und da ich mit der besten Mutter der Welt gesegnet bin, habe ich sogar einen Sonnengruss im Zimmer vorgefunden 🙂


Mein Ärztin ist nicht da und ich werde von ihrem Vertreter begrüßt und eingestuft. Leider kennt er sich mit Sarkoidose und meinen Problemen nicht so aus und kann die ganzen Zusammenhänge nur schwer einschätzen. Daher ist der Plan, den ich am nächsten Morgen in den Händen halte sehr …. unanstrengend. Nun ja für den Start soll mir das genügen – Donnerstag ist eh Sportfrei, da ich ein Langzeit-EKG und Blutdruckmessgerät mit mir herum trage. Dazu gibt es noch das ein oder andere Seminar zum Thema Essen, Diabetes und Herz-Kreislauf…. Im Großen und Ganzen kaum neue Informationen für mich, aber trotzdem ist die Auffrischung kurzweilig. Neu und spannend dagegen ist meine erste Therapie am Freitag, auch wenn ich zunächst gar nicht weiß, was sich dahinter verbirgt – Ergotherapie-Paraffinbad. Hm nun ja. Immerhin bekomme ich am Treffpunkt Aschenbecher eins raus: Es geht um meine Hände!

Genauso ist es auch – ich tauche meine Hände bis zum Handgelenk in flüssiges Paraffin bis ich quasi Paraffinhandschuhe anhabe. Der erste Tauchgang ist erschreckend heiß, aber schon bei der zweiten Hand merke ich es nicht mehr so. Zusätzlich werden die Patscher nun in ein Handtuch gewickelt und ich bekomme ganz viel Informationen über die Wirkung auf schmerzende und ungelenke Hände. Positiver Nebeneffekt ist die Pflege für meine Flechte…. Immerhin, der Doc hat gut zugehört, immerhin ist es das erste Mal, dass meine Gelenk und Muskleschmerzen Beachtung finden. Im Anschluss machen wir dann noch ein paar Übungen mit den Fingern, die ich ab jetzt immer mal durchgehen soll. Gar nicht so einfach, manchmal glaube ich, es ist nicht mein Körperteil, dem ich da versuche Befehle zu geben. Aber meine Therapeutin tröstet mich und sagt es würde besser mit der Zeit. Nun ja, dafür sind Übungen ja auch da, nur ich bin mit mir selber nicht gerade großzügig und geduldig…. Mit dem Abschließenden Rat, mal für ein paar Wochen auf schmückendes Finger-Blingbling zu verzichten, damit die Fingerwurzeln sich mal erholen können bin ich dann entlassen und tapper weiter zur Herzgymnastik – Coronare Hocker Gruppe 25?!! Mal davon abgesehen, dass ich ein bekanntes Gesicht vor mir habe, bin ich ziemlich befremdet bei dem, was mich erwartet. Auch wenn die Dame sich nicht mehr an mich erinnern kann, so merkt sie doch recht schnell, dass ich mit Sitzgymnastik für frisch operierte Herzpatienten unterfordert bin. Leider muss ich bis Montag auf eine Anpassung warten, aber auch ein bisschen Bewegung ist eben Bewegung und so schwenke, trampel und tippst ich fleißig mit meinen Mitstreitern im Takt.  Wenigstens habe ich mir jetzt das Gefühl „erarbeitet“ den Freitag Abend verdient zu haben. Der Seufzer „Wochenende“ ist erst Samstag Mittag erlaubt, vorher geht es noch in ein Seminar und auf den Hocker …

Jetzt geht es zu Tinka auf den Grossparkplatz am Ortseingang, da ich in Eckernförde noch eben ein paar Kleinigkeiten besorgen möchte – unfassbar, aber trotz dem ganzen Gelumpe im Gepäck habe ich ein paar Dinge auf meiner Liste, die mir fehlen 🙂

Aufgeben ist eben keine Option!

Manchmal dauert es einfach nur länger, bis man seine Vorsätze, Wünsche, Ziele umsetzen kann. Solange sie nicht von vornherein utopisch gesetzt sind, kann man es schaffen.

Als vor 6 Jahren plötzlich der Boden unter meinen Füßen verschwand und alle Aktivitäten die mir was bedeutet haben nicht mehr erlaubt oder möglich waren, da bin ich (wie wahrscheinlich jeder) durch die Phase des ‚ich will gar nicht mehr‘, über die ‚das schaffe ich nie‘ bis zu der ‚da will ich hin‘  gestolpert ohne wirklich zu wissen, was vor mir liegt. Irgendwie hangelt man sich halt durch. Was mir bald klar war, war das ich leben will und nicht vegetieren. Gerade für meine Mama war es sicher nicht leicht zu sehen, wie ich über die Stränge geschlagen habe, gegen die Wand angerannt bin und immer wieder gestrauchelt. Aber Aufgeben galt ja nicht. Als mich letztes Jahr der nächste Schub erreicht hat, sah es nicht so aus, als würde ich mein Ziel erreichen. Die nächste Hürde hat mal wieder kräftig an meiner Zuversicht gekratzt. Geholfen hat mir die Erfahrung der letzten Jahre, ganz nach dem Motto – aufstehen, Krone richten, weiter gehen. Als Prinzessin muss man das ja schließlich wissen 😉

Mit dieser Einleitung versteht ihr vielleicht, warum heute mein ‚Siegertag‘ ist. In vielen kleinen Schritten, mit Rückschlägen, Frustanfällen und ganz viel Unterstützung meiner Therapeuten bin ich heute gleich doppelt angekommen. Für viele mag mein Ziel lächerlich klingen, aber wer sich mit Herzschwäche, Sarkoidose, Bandscheibenvorfällen, Rheuma, Arthrose oder einer ähnlichen Erkrankung auseinander setzten musste, weiß wie bescheiden bedeutende Ziele werden können. Eigentlich wollte ich sogar 3 Dinge – meine alte Jogginstrecke sportlich angepasst zurück erobern, Kardiotraining vom Fahrrad auf den Cross Trainer verlegen und mehr als ein Musikstück durchtanzen.

Nach 6 Jahren habe ich zwei von drei Zielen erreicht!! Beide an einem Tag und wer weiß, wenn ich die Musik morgen auflege, klappt es vielleicht auch mit Ziel 3 – nur  heute bin ich echt durch… Zuerst war das Cardiotraining dran: endlich bekomme ich Unterstützung und darf den Crosstrainer mal testen – Ergebniss 5 min 24 sec bevor mein Puls zu hoch wird und ich aufs Fahrrad umsteigen muss. Aber – Hurra – das reicht um ab sofort immer mit dem CT anzufangen und den Umsteigepunkt nach hinten zu schieben, bis ich 15 Minuten den Puls unter 120 halten kann 🙂 da das Wetter besser ist als erwartet und ich viel freie Zeit habe schaue ich mir als Walkingstrecke heute die Route 2 an. Ich kann ja ganz viele Pausen machen. Theoretisch, praktisch schaffe ich es durchzulaufen – mit meinem eigenen Schneckentempo, aber ja, ich laufe 5,7 km am Stück und habe genauso viel Spaß wie früher beim Joggen ( und genausoviel Pudding in den Beinen hinterher). An dieser Stelle ein ganz dickes Danke, an alle, die mich auf meinem Weg hierher unterstützt haben! Wenn es mir gelingt, ein wenig davon in den Alltag zu retten, dann sollte ich für die nächste Hinterlist meines Körpers gerüstet sein. 

Mittlerweile liegen fast 5 Wochen Reha hinter mir. Einige Male zuvor habe ich einen Beitrag ins Auge gefasst, aber am Ende nie mehr als ein paar Stichworte geschrieben. Mein Plan mich aus dem Alltag mit allem was dazu gehört, auszuklinken hat nach Anlaufschwierigkeiten ganz gut funktioniert. Allerdings musste ich dafür auch einige Vorsätze über Bord schmeißen – wie zB den Blog mit mehr Bildern zu versehen: schmeiße ich den PC an, dann stürzt das Leben da draußen einfach auf mich ein. Nachholen kann ich all das Erlebte hier natürlich nicht, aber vielleicht gelingt mir ja eine erträglich lange Zusammenfassung.

Rund um die vielen Sporteinheiten, Seminaren zur Ernährung, Seminaren zum Thema Herz und Kreislauf, Arztterminen und Ergotherapien habe ich auch zwischenmenschlich wertvolle Erfahrungen gesammelt. Mein Bauchgefühl bei der Anfahrt war nicht ganz unberechtigt – so wie vor 5 1/2 Jahren war es nicht. Die Reha 2011 wird mein persönlicher Spitzenreiter bleiben. Trotzdem bin ich in keiner Weise enttäuscht und würde auch beim nächsten Mal wieder nach Damp fahren wollen. Die Therapie-Abteilungen sind einfach spitze und das Umfeld bietet rundum Urlaubs-Qualität.

Ich habe tolle Menschen kennen gelernt, mich mit Schicksalen beschäftigt, die mich dankbar für meines sein lassen und viele schöne Stunden verlebt. Ich habe auch Menschen getroffen, die ich gerne durchschütteln möchte, damit sie mal aus ihrem Wolkenkuckucksheim fallen, welche die dringend lernen sollten, dass eine Reha kein 5 Sterne Urlaub ist und natürlich die notorischen Nörgler. Alle diese Menschen wären einen eigenen Post wert, aber alle haben auch ein Anrecht auf Privatsphäre und daher bleiben all diese Geschichten in meinem Kopf. Nur das Highlight werde ich vielleicht irgendwann näher beschreiben, wenn ich die Genehmigung bekomme. Zum ersten Mal auf dem 24 Jahre langen Weg mit der Diagnose Sarkoidose habe ich in der Reha eine andere Sarkoidose-Erkrankte kennen gelernt. Ihr könnt Euch denken, dass dies für mich besondere Bedeutung hat.

Langsam geht es aber dem Ende zu und somit ist die Zeit gekommen wieder aufzutauchen. Eine der Abschließenden Aufgaben ist es, die Reha-Vorsätze zu überprüfen – was habe ich erreicht für mich. Den sportlichen Teil habe ich ja schon zu Beginn beleuchtet. Aber auch darüber hinaus bin ich der Meinung diese Zeit als Gewinn verbuchen zu dürfen. Ich habe alte Hobbies neu entdeckt dank der Anleitung meiner Ergotherapeuten, ich habe mich mit einigen unschönen Wahrheiten auseinander gesetzt und hoffe die Einsichten im Sturm des Lebens nicht wieder zu verlieren. Was jetzt folgt ist einfach das herüber retten all dieser Bausteine in den Alltag. Wobei das Wort einfach nicht mit leicht zu übersetzen ist. Stressbewältigung, genug Zeit und Kraft für die nötigen Sporteinheiten……. Mal sehen was übrig bleibt im Laufe der nächsten Monate 

Die Welt ist ein Dorf

Heute ist es endlich so weit. Mit einem kleinen Zwischenstopp mache ich mich auf in meine Reha. Seit September ersehnt, gekämpft und irgendwann gewonnen. Nicht das irgendwer an der Notwendigkeit gezweifelt hat. Aber der es bezahlt, der darf auch mal den Nutzen anzweifeln. Da ich allen Vorhersagen zum Trotz wieder arbeite, kann auch der Gutachter nur noch abnicken und den Erhalt meiner Fähigkeit befürworten.

Ich bin auf dem Weg nach Damp! Mit Kenntnis meiner Grenzen plane ich einen Zwischenstopp ein und kann das Schöne und das Nützliche einbinden. Ich plane eine Nacht bei Anette kurz vor Hamburg. Fast 5 Jahre haben wir uns nicht gesehen und freuen uns auf einen ordentlichen Klönschnack. Leider kommt es anders, da ihre eigene Gesundheit meine Übernachtung zu einem nicht machbaren Kraftakt macht. Gott sei Dank hält sie sich an unseren Schwur, immer ehrlich zu sein und Stopp zu sagen. Als Alternative suche ich mir ein Hotelzimmer im Norden von Hamburg – so muss ich morgen früh nicht durch die Stadt und ich kann mir ansehen, wo mein Sohn diesen Monat hinzieht. Mein Schwur, diese Station in Hamburg nicht genauso zu verpassen, wie die anderen in den Jahren zuvor, scheint zu gelingen. 

Okay, das Hotel ist etwas weiter entfernt, als ich dachte und er selber wird auch erst morgen hier aufschlagen, aber ich bin in der Nähe! Ungeachtet der Tatsache, das mein Navi natürlich heute morgen beim Start seinen Dienst aufgibt, das mein Handy kurz vor Hamburg schreit „meine Batterie ist alle“, ich komme in Etappen ans Ziel. Wenigstens habe ich (und ich habe mich noch beschimpft für „brauchst du nie im Leben“) eine Halterung für’s Handy gekauft, so dass ich die Karten App benutzen kann! Auf meiner Kartenmappe – antiquierte Papierversion – steht ein DM Preis!

Statt einer Nacht, halte ich für einen ausgedehnten Kaffee bei Anette an. Es redet sich, als wären wir erst gestern in Damp gewesen. Ich könnte Stunden da sitzen, aber meine Knochen erinnern mich zeitig daran, dass es Not tut, den Wagen in die Ecke zu stellen, damit ich meine Tabletten nehmen kann. Die Erfahrung hat mich leider gelehrt, dass mein Medikamenten-Cocktail am Abend sich nicht mit Konzentration und Verantwortung verträgt. Also verabschieden wir uns viel zu schnell, aber trotzdem mit nicht ganz so großen Problemen. Wir wissen beide, dass vor uns eine gute Zeit liegt. Sie ist in Urlaub in Norwegen und ich bastel an meiner Konstitution und Gesundheit. Unser Plan:auf meinem Rückweg werden wir mehr Zeit füreinander haben.

In Hamburg wird es dann doch noch spannend mit der Navigation. Warum auch immer – mein Handy zeigt zwar den Weg, gibt aber keinen Ton von sich, Hamburg ist voll und ich habe Probleme schnell genug zwischen Straße und Handy hin- und her zu schauen. Aber irgendwie lande ich am Hotel – nur, wohin mit dem Auto? Wenigstens kann ich kurz halten, Einchecken, meinen Übernacht-Koffer und den PC auf’s Zimmer bringen, bevor ich mich auf die Suche mache. Mittlerweile habe ich mein Firmenhandy in Betrieb, damit ich später noch genug Saft habe um Zuhause anzurufen. Ein kurzer Umweg zeigt mir, wo ich den Sohnemann dann demnächst finde und schließlich  ist da auch einen Parkstreifen, der nur wenige Minuten vom Hotel entfernt ist. Schnell suche ich zusammen, was wertvoll aussehen könnte, freue mich über die Strassenlatterne über dem Toyota (kleine ergänzende Diebstahl-Sicherung) und gehe zurück zum Heikotel. Der Tag lässt mich meine Vorsätze vergessen – mit dem wertvollen Kram beladen, musste ich meinen Saft, den halben Bagel und die Käsedose im Auto lassen… Also gehe ich in die Hotelbar um wenigstens einen Drink zu nehmen und ein paar Salzstangen zu knabbern.

Ähnlich wie in Schottland ist hier Portier und Barkeeper eine Person und ich werde freundlich willkommen geheißen, da sich die Dame freut, dass ich mein Auto unter bekommen habe. Außer mir sitzt noch ein Herr in ähnlichem Alter in der Bar und wir sind recht schnell im Gespräch. Über das Thema Großstädte, Geschäftsreisen, Umzüge und ähnliches (warum auch immer, ich mag nicht darüber reden, warum ich hauptsächlich hier oben in und beziehe mich auf den Wechsel meines Großen) kommen wir schnell an den Punkt, dass wir beide aus der selben Ecke kommen.

Also geht es los mit den Vorzügen von Düsseldorf, Autobahnen etc. und ich bin schon sehr erstaunt, dass ich hier jemanden treffe, der auf Anhieb weiß, wo Velbert liegt. So geht es eine Weile weiter und schließlich kommen wir an den Punkt, wo er mir seinen Beruf erklärt. Naja, er denkt, er muss es erklären, so ist er es gewohnt. Irgendwie erstaunt es nun ihn, dass ich recht genau weiß, was er macht. Die Erklärung hierzu, dass mein Bruder so ziemlich den gleichen Job hat, ist noch neutral. Als er dann zwei Firmennamen nennt und ich ihm sage, dass bei der einen mein Bruder immernoch arbeitet und bei der anderen meine Mama und mein Bruder gearbeitet haben, fällt er fast vom Barhocker….. Danach macht er sich einen Spaß daraus, mich Rätseln zu lassen. Und es hilft nichts, genauso wenig, wie er mich erkannt hätte, erkenne ich ihn obwohl wir einiges zusammen erlebt haben in grauer Vorzeit. Als er endlich seinen Namen sagt muss ich auch lachen und gemeinsam bestellen wir noch einen Drink um auf dieses Wiedersehen, den Zufall und das Dorf Welt anzustoßen. Schlussendlich lande ich mal wieder später auf dem Zimmer und im Bett als geplant, hatte aber einen interessanten Abend und wünschte ich könnte jetzt das Gesicht meiner Mama sehen….. Mal sehen, ob sie besser rät als ich, wenn sie das liest 🙂