Tag Null

Ich habe eine neue Reise begonnen – keine die mir gefällt, aber das Leben ist bekanntlich kein Wunschkonzert!
Viele von uns haben den Verlust der Eltern schon durchlebt und eigentlich sollte ich ein wenig besser darauf vorbereitet sein. Wir haben so viele Gespräche geführt darüber wie es sein soll, was sie nicht möchte und was sie schön fände. Aber schlussendlich erwischt es mich eiskalt und unerwartet.
Ich bin unendlich dankbar, dass meine Mama die Welt so schnell verlassen durfte. Und das sie gegangen ist an einem Tag, der bis dahin fast vollkommen war. Ich durfte ihre Hand halten, ich konnte ihr sagen wie sehr ich sie liebe und das es okay ist, wenn sie los lässt. Leider bin ich mir sicher, dass sie genau weiß, das es eine Lüge war, als ich gesagt habe, dass ich das prima schaffe.

Eben haben wir noch am Strand gesessen und unseren nächsten Urlaub geplant, uns gefreut wie viel leichter es wird, da sie nun mit ihrem Elektro-Rollstuhl alleine mobil ist. Meinen mittlerweile notwendigen Krankenhaus-Aufenthalt haben wir terminiert, eine Einkaufsliste erstellt, was sie zum Nähen braucht, was ich zum Basteln besorgen soll. Lauter profane Dinge…
Daneben über Emotionales geredet, wie ihre Angst vor Stolperfallen in Form von Türschwellen oder anderer Leute Füsse, über das dumme Verhalten von Menschen die Sippenhaft betreiben oder in einer schwarz-weißen Welt leben. Über die vorsichtigen Schritte als Single der Bedürfnisse hat, über Männer im allgemeinen, über ihre und meine Lebensabschnitt-Gefährten und die die so tun als ob sie es gerne wären…
Eben über alles, worüber Frau mit dem einen Menschen redet, der ihr alles bedeutet und dem sie blind vertraut (was in der Regel die beste Freundin ist, da sind wir uns einig).

Wir tauchen die Füße in die kalte Ostsee und genießen, wie sich die Füße in den Sand graben und das beißende Gefühl nachlässt, machen Fotos und sie ‚mault‘ mich an, dass ich gefälligst den kleinen Rest Bauch auch noch einziehen soll…. Um 15:25 hat sie das letzte Foto von mir gemacht, verrät mir mein Handy heute.

Nur wenige Minuten später stehe ich mit allen Plänen, Listen und Gedanken alleine da.

Einige wenige Reflexe verbleiben und die zu alte Patienten-Verfügung veranlasst die Helfer alle Rettungsgeräte zum Einsatz zu bringen und so sitze ich im Sand, halte ihre Hand, rede mit ihr und weiß doch, dass ihr Wesen nie wieder kommen wird, ihre Seele uns schon verlassen hat.
Im Krankenwagen, auf dem Weg in die Klinik erwische ich mich immer wieder bei dem Gedanken, wie sie den Kopf schütteln wird oder einen Vogel zeigt, wenn ich ihr später von den Idioten auf der Straße erzähle, die nicht in der Lage sind ihr Auto aus dem Weg zu nehmen, wenn das Martinshorn hinter ihnen erklingt.
Nur langsam schwindet meine Hoffnung auf ein Wunder, aber ich habe ja 30 Minuten da vorne auf dem Bock um mich daran zu erinnern, dass sie gegangen ist da im Sand und das es nur noch ihr Körper ist, der gezwungen ist bis zum Krankenhaus durchzuhalten.
Um 17:45 kommt der Arzt der Intensivstation endlich mit den erlösenden Worten, dass es vorbei ist….

Seitdem gehe ich meinen Weg alleine – natürlich nicht wirklich, es gibt so viele liebe Menschen um mich, aber…. Selbstverständlich rede ich weiter mit ihr und ich glaube damit werde ich auch nie aufhören, nur das ihre Antworten jetzt über mein Herz und nicht über mein Ohr kommen werden.
Ich werde es schaffen, Mama! Es gibt Gott sei Dank genug Idioten, die mich ärgern, soviel Bürokratie, die mich rotieren lässt und genug Arbeit, das ich nicht dazu komme, lange zu fühlen und mich fallen zu lassen. Wer auch immer das alles lenkt ist so freundlich mir die Steine in den Weg zu legen, die es wohl braucht um meine Reserven zu mobilisieren.

Und irgendwann, wenn all diese Dinge erledigt sind habe ich hoffentlich schon ein bisschen gelernt, dass Du nicht mehr auf dem Balkon stehen wirst, wenn ich heim komme oder auf meine Nachricht wartest wenn ich wo hin fahre, aber trotzdem über mich wachst.

Ich bin ein Mensch der auf viele wunderschöne Stunden schauen kann und der dankbar ist für alles was mich zu dem macht, was ich bin. Ich schreibe dies nicht, weil ich Bedauern suche, sondern weil es aus mir raus muss – wie jedes Thema in meinem Blog. Ich schreibe es um anderen die Hand zu reichen, die es selber erleben.
Aber auch um die Erfahrung zu teilen, was passiert, wenn man keine Patienten-Verfügung hat. Eine aktuelle und gültige, unsere war leider 2 Jahre alt! Zwischen dem letzten Foto und dem Moment wo der Arzt zu mir kam gab es gut 2 Stunden, die Mama und mir ersparen geblieben wären, hätten wir das „neu machen“ nicht auf „reicht nach dem Urlaub“ verschoben. Wie viele „Bitte lasst sie gehen“, „sie möchte nicht an Geräte“ und ähnliche Sätze hätte ich nicht sagen müssen, nachdem klar war, dass sie nie wieder die Brigitte sein wird, die sie sein wollte.
Ich vertraue darauf, das es nur noch ihr Körper war und nicht ihr Wesen, welches da war. Die Ärzte versichern mir, dass sie schon im Strandkorb nichts mehr mitbekommen hat und ich möchte es glauben, aber die Bilder der folgenden Zeit werden mich sicher noch eine Weile verfolgen und ich kann nur jedem empfehlen, dem vorzubeugen!

Außerdem möchte ich mich bedanken bei den Menschen, die ihren Urlaubstag geopfert haben um mir zu helfen. es gab nicht nur die Gaffer, es gab tatsächlich Fremde, die sofort alles gegeben haben und die mir das Schicksal scheinbar zufällig zu Hilfe geschickt hat, damit ich auch nach dem Krankenhaus nicht alleine am Straßen-Rand stehen musste. Du hast Recht, es hat etwas zu bedeuten Kristina und ich bin so dankbar!

Und auch wenn es ihre Aufgabe ist, ich möchte mich beim DLRG von Hohwacht bedanken! Ihr habt mich weggezogen als es notwendig war, Mama behütet bis der Krankenwagen da war, ihr habt jede erdenkliche Hilfe geleistet und mich über ihren Abtransport hinaus unterstützt. Man unterschätzt so schnell was ihr da leistet während wir es uns am Strand gut gehen lassen.

Mein ganz besonders herzlicher Dank gilt allerdings den vielen Autofahrern, die am Sonntag den 03.09.2017 gegen 16:15-16:45 Uhr zwischen Hohwacht und Eutin der Meinung waren, dass man einem Krankenwagen nicht ausreichend und zügig Platz machen muss! Ohne Euch wäre Mama vielleicht so früh im Krankenhaus angekommen, dass die Reanimation erfolgreich gewesen wäre und sie gezwungen hätte noch eine Weile an Geräten zu hängen!
Ich bedaure nur, dass ich zu der Zeit gebetet habe, statt Autonummern aufzuschreiben – ich hätte gerne dem ein oder anderen persönlich gedankt!

 

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Ein Gedanke zu “Tag Null

  1. Liebe Babett , Elizabeth hat mir über dir Jahre eine Redewiese gelehrt und Sie sagt „Manchmal Ereignisse erfolgen mit anderen Begründungen“. Ich sehe jedoch aus deinem schreiben wie sehr du Deine Mama geliebt hast. Ich kann aus der ferne nicht viel dazu beitragen um Dir tröstlich Unterstützung zu geben. Unser Haus is gefüllt mit Gesprächen über Dich und Deine Mama.

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