Eine Geste

Kleine Gesten können vielleicht nicht das Leben ändern, aber zumindest einen Tag.

An unserem zweiten Tag in Hohwacht haben wir versucht mit Rollator an den Strand zu kommen. Direkt vor unserem Hotel gab es einen Weg mit langer Treppe, der aber halbwegs überschaubar war. Einen wirklich funktionierenden Weg für den Rollstuhl konnte man uns im Hotel leider nicht zeigen – nur einen, bei dem der Rollstuhl umkippt…. (haben wir später versucht, war Sch….)  Also haben wir entschieden: runter mit Rollator zufuss und ich trage ihn über die Stufen, zurück hole ich das Auto um Mama und Gefährt zurück zu bringen.

Ich hatte 10 von 40 Stufen getragen und dabei Mama beobachtet, dass sie auch wirklich zufuss klar kam…. in der selben Zeit wurden wir von dem ein oder anderen überholt… Vertieft in Gespräche, Telefonate oder sonstige wichtige Dinge… bei Stufe 11 kam ein Mann mit Fahrrad auf der Schulter, sieht uns, lässt sein Fahrrad ab und weiß gar nicht so recht wo hin zuerst – mir den Rollator abnehmen oder Mama die Treppe runter stützen….

Das sind sie! Die kleinen Gesten, die einen guten Tag machen!

Beim anschließenden, umwerfend leckeren Eis (der leicht böse Blick gilt dem Mangel an Hunger um aufzuessen!) haben Mama und ich darüber geredet, wie schön es sein kann, wenn die Leute hinschauen!

Es sind nur Kleinigkeiten! Dinge, die gar nicht viel Zeit kosten und schon gar kein Geld…. ein Lächeln, eine helfende Hand, eine nette Bemerkung oder eine kleine Idee – und der Tag eines anderen Menschen ist ein Guter! Ich wünsche mir, dass wir das nie vergessen und mit kleinen, netten Gesten anderer Leute Leben besser machen! Irgendwo kommt dann sicher auch die kleine Geste, die den eigenen Tag zu einem Guten machen.

Tag Null

Ich habe eine neue Reise begonnen – keine die mir gefällt, aber das Leben ist bekanntlich kein Wunschkonzert!
Viele von uns haben den Verlust der Eltern schon durchlebt und eigentlich sollte ich ein wenig besser darauf vorbereitet sein. Wir haben so viele Gespräche geführt darüber wie es sein soll, was sie nicht möchte und was sie schön fände. Aber schlussendlich erwischt es mich eiskalt und unerwartet.
Ich bin unendlich dankbar, dass meine Mama die Welt so schnell verlassen durfte. Und das sie gegangen ist an einem Tag, der bis dahin fast vollkommen war. Ich durfte ihre Hand halten, ich konnte ihr sagen wie sehr ich sie liebe und das es okay ist, wenn sie los lässt. Leider bin ich mir sicher, dass sie genau weiß, das es eine Lüge war, als ich gesagt habe, dass ich das prima schaffe.

Eben haben wir noch am Strand gesessen und unseren nächsten Urlaub geplant, uns gefreut wie viel leichter es wird, da sie nun mit ihrem Elektro-Rollstuhl alleine mobil ist. Meinen mittlerweile notwendigen Krankenhaus-Aufenthalt haben wir terminiert, eine Einkaufsliste erstellt, was sie zum Nähen braucht, was ich zum Basteln besorgen soll. Lauter profane Dinge…
Daneben über Emotionales geredet, wie ihre Angst vor Stolperfallen in Form von Türschwellen oder anderer Leute Füsse, über das dumme Verhalten von Menschen die Sippenhaft betreiben oder in einer schwarz-weißen Welt leben. Über die vorsichtigen Schritte als Single der Bedürfnisse hat, über Männer im allgemeinen, über ihre und meine Lebensabschnitt-Gefährten und die die so tun als ob sie es gerne wären…
Eben über alles, worüber Frau mit dem einen Menschen redet, der ihr alles bedeutet und dem sie blind vertraut (was in der Regel die beste Freundin ist, da sind wir uns einig).

Wir tauchen die Füße in die kalte Ostsee und genießen, wie sich die Füße in den Sand graben und das beißende Gefühl nachlässt, machen Fotos und sie ‚mault‘ mich an, dass ich gefälligst den kleinen Rest Bauch auch noch einziehen soll…. Um 15:25 hat sie das letzte Foto von mir gemacht, verrät mir mein Handy heute.

Nur wenige Minuten später stehe ich mit allen Plänen, Listen und Gedanken alleine da.

Einige wenige Reflexe verbleiben und die zu alte Patienten-Verfügung veranlasst die Helfer alle Rettungsgeräte zum Einsatz zu bringen und so sitze ich im Sand, halte ihre Hand, rede mit ihr und weiß doch, dass ihr Wesen nie wieder kommen wird, ihre Seele uns schon verlassen hat.
Im Krankenwagen, auf dem Weg in die Klinik erwische ich mich immer wieder bei dem Gedanken, wie sie den Kopf schütteln wird oder einen Vogel zeigt, wenn ich ihr später von den Idioten auf der Straße erzähle, die nicht in der Lage sind ihr Auto aus dem Weg zu nehmen, wenn das Martinshorn hinter ihnen erklingt.
Nur langsam schwindet meine Hoffnung auf ein Wunder, aber ich habe ja 30 Minuten da vorne auf dem Bock um mich daran zu erinnern, dass sie gegangen ist da im Sand und das es nur noch ihr Körper ist, der gezwungen ist bis zum Krankenhaus durchzuhalten.
Um 17:45 kommt der Arzt der Intensivstation endlich mit den erlösenden Worten, dass es vorbei ist….

Seitdem gehe ich meinen Weg alleine – natürlich nicht wirklich, es gibt so viele liebe Menschen um mich, aber…. Selbstverständlich rede ich weiter mit ihr und ich glaube damit werde ich auch nie aufhören, nur das ihre Antworten jetzt über mein Herz und nicht über mein Ohr kommen werden.
Ich werde es schaffen, Mama! Es gibt Gott sei Dank genug Idioten, die mich ärgern, soviel Bürokratie, die mich rotieren lässt und genug Arbeit, das ich nicht dazu komme, lange zu fühlen und mich fallen zu lassen. Wer auch immer das alles lenkt ist so freundlich mir die Steine in den Weg zu legen, die es wohl braucht um meine Reserven zu mobilisieren.

Und irgendwann, wenn all diese Dinge erledigt sind habe ich hoffentlich schon ein bisschen gelernt, dass Du nicht mehr auf dem Balkon stehen wirst, wenn ich heim komme oder auf meine Nachricht wartest wenn ich wo hin fahre, aber trotzdem über mich wachst.

Ich bin ein Mensch der auf viele wunderschöne Stunden schauen kann und der dankbar ist für alles was mich zu dem macht, was ich bin. Ich schreibe dies nicht, weil ich Bedauern suche, sondern weil es aus mir raus muss – wie jedes Thema in meinem Blog. Ich schreibe es um anderen die Hand zu reichen, die es selber erleben.
Aber auch um die Erfahrung zu teilen, was passiert, wenn man keine Patienten-Verfügung hat. Eine aktuelle und gültige, unsere war leider 2 Jahre alt! Zwischen dem letzten Foto und dem Moment wo der Arzt zu mir kam gab es gut 2 Stunden, die Mama und mir ersparen geblieben wären, hätten wir das „neu machen“ nicht auf „reicht nach dem Urlaub“ verschoben. Wie viele „Bitte lasst sie gehen“, „sie möchte nicht an Geräte“ und ähnliche Sätze hätte ich nicht sagen müssen, nachdem klar war, dass sie nie wieder die Brigitte sein wird, die sie sein wollte.
Ich vertraue darauf, das es nur noch ihr Körper war und nicht ihr Wesen, welches da war. Die Ärzte versichern mir, dass sie schon im Strandkorb nichts mehr mitbekommen hat und ich möchte es glauben, aber die Bilder der folgenden Zeit werden mich sicher noch eine Weile verfolgen und ich kann nur jedem empfehlen, dem vorzubeugen!

Außerdem möchte ich mich bedanken bei den Menschen, die ihren Urlaubstag geopfert haben um mir zu helfen. es gab nicht nur die Gaffer, es gab tatsächlich Fremde, die sofort alles gegeben haben und die mir das Schicksal scheinbar zufällig zu Hilfe geschickt hat, damit ich auch nach dem Krankenhaus nicht alleine am Straßen-Rand stehen musste. Du hast Recht, es hat etwas zu bedeuten Kristina und ich bin so dankbar!

Und auch wenn es ihre Aufgabe ist, ich möchte mich beim DLRG von Hohwacht bedanken! Ihr habt mich weggezogen als es notwendig war, Mama behütet bis der Krankenwagen da war, ihr habt jede erdenkliche Hilfe geleistet und mich über ihren Abtransport hinaus unterstützt. Man unterschätzt so schnell was ihr da leistet während wir es uns am Strand gut gehen lassen.

Mein ganz besonders herzlicher Dank gilt allerdings den vielen Autofahrern, die am Sonntag den 03.09.2017 gegen 16:15-16:45 Uhr zwischen Hohwacht und Eutin der Meinung waren, dass man einem Krankenwagen nicht ausreichend und zügig Platz machen muss! Ohne Euch wäre Mama vielleicht so früh im Krankenhaus angekommen, dass die Reanimation erfolgreich gewesen wäre und sie gezwungen hätte noch eine Weile an Geräten zu hängen!
Ich bedaure nur, dass ich zu der Zeit gebetet habe, statt Autonummern aufzuschreiben – ich hätte gerne dem ein oder anderen persönlich gedankt!

 

Day Zero

I’ve started a new journey – not one that I asked for, but life is not known as a walk in the park!

Many of us have experienced the loss of parents and actually I should be prepared a bit better. We have had so many conversations about how it should be, what she doesn’t want and what she would like. But in the end it catches me with my pants down and completely unexpected.

I am infinitely grateful that my mom was able to leave the world so quickly. And that she left on a day that by then was almost perfect. I was allowed to hold her hand, I could tell her how much I love her and that it is okay if she lets go. Unfortunately, I’m sure that she knows for sure that it was a lie when I said I could manage that mighty fine.
We just sat on the beach and planned our next vacation, we were happy to see how much easier it will be because she is now mobile on her own with her electric wheelchair. We terminated my hospital stay, which has now become necessary, draw up a shopping list of what she needs for sewing, what I should get for handicrafts. Clear mundane things …
Along the way we talked about emotional things, such as her fear of tripping hazards in the form of doorsteps or other people’s feet, about the stupid behavior of people who practice clan liabilty or only differ black and white. About the cautious steps as a single who has needs, about men in general, about her and my companions in life and those who pretend they want it to be …
Just about everything that a woman talks about with the one person who means everything to her and whom she blindly trusts (who is usually the BFF, we agree).

We bathe our feet in the cold Baltic Sea and enjoy how the feet dig into the sand and the biting feeling subsides, take pictures and she moans at me that I should kindly pull in the tiny rest of my belly …
At 3:25 pm she took the last photo of me, my cell phone tells me later.

Only a few minutes later I am alone with all the plans, lists and thoughts.
A few reflexes remain and the patient’s instructions, which are too old, cause the helpers to use all the rescue equipment and so I sit in the sand, hold her hand, talk to her and yet I know that her being will never come back, her soul already has left.

In the ambulance, on the way to the clinic, I keep catching myself thinking how she will shake her head or name people nuts when I later tell her about the idiots on the street who are unable to get their car out of the way when the siren sounds behind them.
My hope for a miracle is slowly fading, but I have 30 minutes up there on the front seat to remind myself that she disapeared out there in the sand and that it is only her body, forced to hang in until we reach the hospital.

At 5:45 pm the ICU doctor finally comes with the relieving words that it is over….
Ever since I’m going my way alone – of course not really, there are  many lovely people around, but…. Of course I keep talking to her and I think I’ll never stop, only that her answers will now come through my heart and not through my ears.

I will manage it Mum! Thank goodness there are enough idiots who annoy me, so much bureaucracy that makes me rotate and enough work, so I can’t feel long enough to let myself go. Whoever directs  this is so kind to put that amount of stones in my way that are needed to mobilize my reserves.
And eventually , when all these things are done, I have hopefully slightly learned that you will no longer be on the balcony when I come home or wait for my message when I drive somewhere, but still watch over me.

Actually I’m a person who can look back to many wonderful hours and who is grateful for everything that makes me who I am. So I’m not writing this because I’m looking for regret, but because I have to get it out – like every topic on my blog. And to reach out to others who experience it themselves.

But also to share the experience of what happens when you don’t have a patient provision. A current and valid one, Mums was unfortunately 2 years old!
Between the last picture and the moment the ICU doctor came to me there have been around 2 hours that Mum and I would have spared if we hadn’t postponed “writting it again” to “sufficient after vacation”. How many „please let her go“, „she does not want to depend on devices“ and similar sentences I could have saved after it was sure that she would never be the Brigitte again she wanted to be.
I trust that it was only her body and not her being that was there. The doctors assure me that she didn’t notice anything in the beach chair and I want to believe it, but the pictures of that 2 hours will certainly haunt me for a while and I can only recommend everyone to prevent this!

I like to thank those people who gave up their vacation day to help me. There were not only  rubber necks, there were actually strangers who immediately gave everything and apperantly sent by fate randomly to help me, so that I didn’t have to be alone on the roadside after I left the hospital. You’re right, it means something Kristina and I’m so grateful!
Even if it’s their job, I would like to thank the DLRG of Hohwacht! You pulled me away when it was necessary, looked after my Mum until the ambulance guys took over, you gave me all possible help and supported me beyond our drive off. People easily underestimate what you’re doing while they are enjoying themselves on the beach.

My heartfelt thank you, however, goes to several car drivers who thought that they don’t have to make room for an ambulance quickly and sufficiently that Sunday, September 3rd, 2017 around 4:15 pm to 4:45 pm between Hohwacht and Eutin! Without you, Mum might have arrived at the hospital so early that the resuscitation would have been successful and she would have been forced to hang on to equipment for a while!
I only regret that I prayed at the time instead of writing down car licenses – I would have loved to personally give probs to one or the other!