Karneval ganz anders

Freitag um 3:40 schiebe ich gesammelte Koffer Richtung Fahrstuhl, winke den Katzen ein schnelles Tschüss zu und mache mich auf den Weg nach England. Freudig überrascht sehe ich unten vor der Tür unseren Bus und die Ersten, die über die Straße kommen um mir dabei zu helfen Ornate, Fasanenfedern und Karnevalskostüme zum Bus zu schieben. Und es regnet nicht, wir alle stehen da im T-Shirt… für mich mittlerweile fester Bestandteil meines karnevalistischen Daseins, ist es doch immer wieder ein interessantes Gefühl sich im Sommer mit diesem, in Deutschland eher winterlichem Brauch auseinander zusetzen.

Schnell sind Koffer, Kleidersäcke, Getränke und Geschenke verladen und um 3:58 schließen sich die Bustüren. Eben durchzählen, keiner zuviel , keiner zuwenig im Bus und 3 Minuten später rollen wir. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so pünktlich (und so früh) losgefahren zu sein. Etliche Stunden, Kilometer, Länder, eine Fährfahrt später treffen wir uns mit unseren Freunden in Corby. Unsere Partnerstadt in Großbritannien pflegt den selben Brauch, wie wir hier in Velbert. Also zumindest dem Namen nach. Wir fahren zum Carnival ….

Das frühe Abfahren hat sich gelohnt, ohne nennenswerte Verzögerungen erreichen wir Calais. Selbst in Antwerpen hält uns kein Stau auf. Die Grenzkontrolle haben wir zügig hinter uns. Dank ‚oberlehrerhafter‘ Planung sind Papiere da, jeder Jugendliche steht bei den zugeteilten Erwachsenen, die für diese Fahrt die Verantwortung von den Erziehungsberechtigten erteilt bekommen haben, mein leicht gluckenhafter Blick hinter den Beamten ist völlig überflüssig, alle kommen in ihren Grüppchen sehr gut zurecht. Langsam gewöhne ich mich daran, dass ich nicht mehr übersetzen muss und gemeinsam amüsieren wir uns über die Fragen und Gesichter der Grenzer – was wollt ihr denn ausgerechnet in Corby? Ihr feiert da Karneval?? Auch der Ärmelkanal ist auf unserer Seite und wir genießen die Überfahrt bei ruhiger See, Sonne und genug Sitzplatz auf dem Oberdeck. Eine besonders zutrauliche Möwe begeistert ihre Zuschauer und gefühlt im Handumdrehen erreichen wir die Steilküste und Dover.

Leider wird es jetzt doch ein bisschen zäh und wir kämpfen uns im Stop and Go über die nächsten Meilen bis wir die Autobahn Richtung London erreichen. Zwischen ‚wir wollen schnell an London vorbei‘ und ‚ich muss mal, aber das Chemie-Klo ist überfordert‘ hin und her gerissen stehen wir im nächsten zähflüssigen Verkehr und passieren Dartfort Crossing und damit eines der größten Nadelöhre. Der nächste Rastplatz ist unser und alle fliegen aus dem Bus raus mit der Order zügig Pipi zu machen und zu rauchen, damit wir keine unnötige Zeit verlieren. Und wieder sind alle Zack Zack fertig und zurück im Bus sobald die vorgeschriebene Pause beendet ist. Wenn das dieses Wochenende so bleibt, habe ich tatsächlich auch Urlaub – toll!

An den erwarteten Stellen staut es immer mal wieder, aber wir fressen kontinuierlich Kilometer oder eben Miles. Trotzdem zieht sich das ganze in gefühlte endlose Länge. Aber wir kommen in Corby an, nach so vielen Jahren kenne ich den Weg und schiele nur zur Sicherheit auf die aktuelle Karte, schließlich weiß man nie ob unsere Partnerstadt genauso viele Baustellen einrichtet, wie sie zuhause zu finden sind.

Wir sind am Hotel, Hurra! Und werden von einem leuchtenden roten Spalier begrüßt. Das Corby Carnival Court ist geschlossen zu unserer Begrüßung da. 6 mal Jugend zwischen ca 11 und 19 Jahren in Sommerkleidern, mit Tiara und Schärpe sehen uns entgegen und ich kann kaum schnell genug aus dem Bus kommen um sie in die Arme zu nehmen. Immerhin fiebern wir diesem Wochende seit März entgegen.

Anders als bei uns, werden hier Wahlen abgehalten, da es immer mehr Bewerberinnen als Hoheiten gibt. Im März sind sie angetreten, haben eine Rede gehalten, gezeigt ob sie uns in die Augen sehen können und stolperfrei eine Treppe herauf und wieder herunter gehen können. Was für viele vielleicht einfach klingt, ist eine echte Herausforderung- Selbstsicherheit, klarer Blick und Ausprache zählen mehr als das gängige Schönheitsideal. Nicht für ein paar Wochen, sondern für ein ganzes Jahr werden die Queens und Princesses ihre Stadt vertreten. Hier in England gibt es nicht die eine 5. Jahreszeit, sondern in diversen Städten unterschiedlich Carnivals, zu denen man sich gegenseitig besucht und repräsentiert. Das Corby Court setzt sich dabei aus einer Queen mit zwei Prinzessinen (älter als 14) und einer Junior-Queen mit zwei Prinzessinnen (zwischen 11 und 14) zusammen. Neben den vergnüglichen Besuchen übernehmen die Mädels eine Menge Pflichten, da sie ein Jahr lang verschiedene Spendenveranstaltungen unterstützen werden. Von Einkaufstaschen packen bis zu Fallschirmsprüngen war in den Jahren, die ich diesen Brauch teile schon alles dabei. Dabei ist es Aufgabe der Queen, ihr Team zusammenzuhalten, bei Problemen zu helfen, Streit im Stillen zu schlichten und Sorge zu tragen, dass Corby stolz sein kann, wann immer dieses Court für die Stadt eintritt.

Dieses Jahr habe ich es geschafft im März bei der Wahl und Krönung dabei zu sein und die Mädchen mit ihrem Caperon in den ersten Stunden zu begleiten. Der Caperon, liebevoll auch Queen Mum genannt, ist Taxifahrer, Freundin, Lehrer, Projektplaner, Geldsammler, Seelentröster, Werbemanager, Elternbändiger und so vieles mehr. Hier in Corby ist dies Terri’s größtes Hobby – ein Ehrenamt mit viel Verantwortung, welches sie, nicht nur in meinen Augen, wunderbar wahrnimmt. Oft genug war ich Zeuge, wie ihr Rat von anderen gefragt war und ‚ihre‘ Mädchen Preise einsammeln. Die Details gehören zum nächsten Tag…

Jetzt gerade vermisse ich genau diese Seele des Corby Carnival. Zwar stehen die Mädchen nicht alleine zum Empfang bereit, aber Terri ist noch unterwegs um unsere Flieger einzusammeln. Neben den 21 Gästen im Bus haben sich 8 weitere Velberter mit dem Flieger auf den Weg gemacht – leider fehlen da Urlaubstage um die ganze Zeit dabei zu sein. In jedem Fall ist der Empfang herzlich und quirlig. Koffer werden ausgepackt, Zimmer zugewiesen und neben den Mädchen werden Dave und Graeme begrüßt. Noch während ich sortiere, Listen prüfe, Zimmerkarten austeile und alle Anwesenden versorge, kommen auch die Autos aus Birmingham an. In dieser Stunde weiß ich gar nicht ob ich noch wirklich auf dieser Welt bin – Schlafmangel mischt sich mit Freude, Sorge und einer Fülle von Liebe. Schließlich ist alles geklärt, die ersten gehen schon zum gemütlichen Teil des Abends über, ich habe Terri und Stan begrüßt und endlich auch mein eigenes Gepäck auf dem Zimmer.

Wenn wir in Velbert Karnevalisten zählen kommen wir auf eine dreistellige Zahl in verschiedensten Vereinen. Hier in Corby liegt alles das auf den Schultern einer kleinen Gruppe, die in den letzten Jahren zwischen 6 und 8 Personen geschwankt hat. Bis wir das traditionelle Fish and Chips Dinner verputzt haben, haben sich alle aktuellen Committee Mitglieder eingefunden. Außerdem amtierende und ehemalige Bürgermeister, Familienmitglieder und andere Freunde. Ein Gespräch reicher Abend nimmt seinen Lauf und Pläne werden ausgetauscht. Nach und nach leert sich das Hotel und der nebenan liegende Pub, schließlich liegt nach einem langen Tag DER Karneval vor uns. Ich bin beileibe nicht die letzte, die auf ihr Zimmer geht und müde in die Kissen sinkt. Leider tobt, wie so oft, der Sturm des Tages durch meine Gedanken. An einschlafen ist nicht zu denken. Also schnappe ich mir mein iPad und bringe zuende, was ich im Bus begonnen habe. Keine Ahnung ob ich morgen dazu komme das Erlebte weiter zu berichten, aber selbst, wenn ich auf der Rückfahrt ’nachliefer‘ gibt es noch einiges zu berichten von dieser ganz anderen Tradition, die sich dann doch so mit unserem Karneval verwoben hat, dass es immer mehr Freunde dieser gelebten Städtepartnerschaft gibt. Für unseren und den Corby Carnival, für die Verbundenheit mit Corby im Allgemeinen und vieles mehr wünsche ich mir, dass wir Schule machen und an die Jahre anknüpfen, als sich auf allen Seiten darum gerissen wurde Teil dieses Austausch zu sein.

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